Aggressionen bei Hunden

Allein das Wort lässt bei einigen Menschen den Puls schneller schlagen. Erlebte Aggression führt dann häufig zu weiteren körperlichen Reaktionen, Angst setzt ein und es kommt zu Handlungsunfähigkeit (Angst lähmt) oder nicht selten zu übersteigerten Handlungen. Gemeint sind hier Begegnungen von Hundehaltern mit anderen Hundehaltern oder mit Menschen ohne Hund und zwar solche Begegnungen, bei denen sich die Hunde aggressiv gegenüber anderen Hunden und im ernsteren Fall, gegen andere Menschen verhalten.

Biologie der Aggression und die Rolle des Menschen

Die Individualentwicklung

Auszüge aus der Lerntheorie

Etabliertes Verhalten

Das Thema „aggressive Hunde“ gastiert zur Zeit in sämtlichen Medien und bestimmt nicht unerheblich die Lebensqualität von Hunde- und Nichthundehaltern. Der öffentliche Druck auf Hundehalter wird in diesem Zusammenhang immer größer. Der Gesetzgeber, der durch den öffentlichen Druck zu einer Reaktion genötigt wird, handelt hektisch und überzogen sowie fachlich mangelhaft beraten. Drohende „Wesenstests“ für „gefährliche Hunde“, selbst der Hund, der mal kurz einen Hasen hetzt, gilt in einigen Bundesländern als „gefährlich“, bringen eine weitere Angst bei den Hundehaltern ins Spiel. Eine Angst der Menschen, die belastend über allem liegt, was der Hund tut oder tun könnte. Der Wunsch der Familienhundehalter, der aus diesem Umstand resultiert: Hunde ohne Aggressionen und dann auch gleich ohne jagdliche Motivation. Was da gewünscht und erhofft wird, kann nicht in Erfüllung gehen und wenn doch, sind es keine Hunde mehr, über die wir da sprechen.

Wenn wir aber über Hunde sprechen und uns an der Lebenssituation der Hunde orientieren, haben wir es mit einem Tier zu tun, dass in der Regel in einem sozialen Verband lebt. In einer Gruppe mit Menschen und eventuell weiteren Artgenossen. Ein sozialer Verband ist auch nur ein Mensch und ein Hund. In jedem sozialen Verband, sei er nun groß oder klein, werden wir die Erfordernis einer sozialen Organisation vorfinden. Eine Gruppe regelt ihr Funktionieren nicht passiv durch die Gruppensituation selbst, sondern aktiv durch das sozial kommunikative Miteinander der einzelnen Mitglieder.

Biologie der Aggression und die Rolle des Menschen

Zur Biologie der Aggressionen von Hunden muss man nun sagen, dass Aggressionen nicht per se gefährlich sind. Vielmehr ist die Vorstellung von Gefährlichkeit beider Erwähnung des Begriffes Aggression aus unserem Sprachgebrauch abzuleiten. Der Missbrauch von Terminologien, Unkenntnis über Definitionen, dem Menschen abhanden gekommene Fähigkeiten und eine emotionale Interpretation haben unter anderem dazu beigetragen, wie der Begriff Aggression umgangssprachlich eingesetzt wird.

Einige, der nun folgenden Argumente sind dem Sonderdruck der „Deutschen tierärztlichen Wochenschrift“, Jahrgang108, Heft Nr.3/2001, Seiten 94-101 von Dr.D.U.Feddersen-Petersen, Uni Kiel, entnommen. Aggressionsverhalten ist unabdinglich für den Selbsterhalt des Individuums und in Anlehnung daran ein wesentliches Regulativ in einem sozialem Verband. Eine Gruppe könnte ohne Aggressionsverhalten schlichtweg nicht funktionieren. Somit dienen denn auch die meisten Elemente aus dem Aggressionsverhalten der Kommunikation der Gruppenmitglieder untereinander.

In der Regel wird aggressiv kommuniziert, wenn es darum geht, dass ein Gegenüber Abstand halten soll. Ein Drohen zur Distanzvergrößerung soll somit einen ernsthaften Konflikt vermeiden.

Ein weiteres Argument für Aggressionsverhalten muss auch in der sozialen Expansion des Einzelnen gesehen werden. Zur Durchsetzung von unmittelbaren oder längerfristigen Zielen. Hierbei geht es aber mehr um Geschicklichkeit im Bereich sozialer Strategien in Verbindung mit einer souveränen sozialen Kompetenz den anderen gegenüber.

Zum Einen ist die Fähigkeit von in Gruppen organisierten Caniden, Aggressionen in sozialen Gruppen kommunikativ zu nutzen genetisch bedingt, und zum Anderen ist es aber erforderlich, dass während der Individual entwicklung der Welpen bis zur Geschlechtsreife, innerhalb der Gruppe, die Ausprägung von Aggressionsverhalten interaktiv erlernt wird. Genau hier kommt auf den Hundehalter eine entscheidende Verantwortung zu. Von dem Moment an, von dem sich der Mensch seinen Sozialpartner Hund ins Haus holt, übernimmt er die Verantwortung für den Hund, ihn bei der Ausprägung seines Aggressionsverhaltens zu begleiten. Aktiv muss sich der Mensch in diesen Entwicklungsprozess einbringen und zwar auf eine wohlwollende und souveräne Art und Weise, die aber den Hund nicht an Eindeutigkeit zweifeln lassen darf.

Von diesem interaktiven Prozess Mensch Hund, in Bezug auf die Ausprägung von Aggressionsverhalten, hängt in der Regel ab, ob der Hund, spätestens mit Beginn der Geschlechtsreife, gelernt hat, mit seinen Aggressionen umzugehen und angepasst zu haushalten. Hier ist der Begriff der Gefährlichkeit von Aggressionsverhalten dann auch wieder zu finden, wenn es um die Überschreitung oder Verselbständigung von Aggressionsverhalten geht. Hat der Mensch die Gelegenheit, besonders während der sensiblen Phasen der Welpen- und Junghundentwicklung, Aggressionen zu begrenzen versäumt und der Hund somit lernen können, ungehemmt und der Situation entsprechend unverhältnismäßig heftig Aggressionen frei zu schalten und zu beißen, trifft der Begriff „gefährlicher Hund“, meiner Meinung nach, zu.

Nicht gemeint ist hier die aggressive Kommunikation so genannter „halbstarker“ Hunde untereinander, wenn deren physisches und psychisches Niveau in etwa gleichzusetzen ist. Hier kann es auch zu geringen Verletzungen wie Schrammen, Hämatomen und kleinen Löchern im Pelz der Hunde kommen. Ich denke, dass diese körperlichen Erfahrungen für die Hunde selbst nicht das Problem sind, tragen sie doch zum Lernprozess sozialer Kommunikation wesentlich bei. Konflikte wird es immer geben und man muss eben in der individuellen Entwicklung lernen damit umzugehen, um sich als erwachsener Hund eher Schaden vermeidend, länger und eindeutiger im Bereich der Drohung verhalten zu können.

Diese Argumentation kann ich auch gegen den Widerspruch vieler Menschen stehen lassen, die von Hunden und deren Verhalten falsche Vorstellungen haben. Hunde haben mit Konflikten weniger Probleme als Menschen, sind weder durch gesellschaftliche Normen, noch durch den Zeitgeist von der „Harmonie des Miteinanders“ blockiert. Hier soll nur kurz erwähnt sein, dass der Begriff Harmonie, meiner Meinung nach häufig als Dauerzustand einer Beziehung angestrebt wird. Ist aber eine Beziehung nicht eher von immer vorhandenen Konflikten, großen und kleinen, begleitet? Wird Harmonie nicht meistens mit „nichts sehen, nichts hören und nichts sagen“ gleichgesetzt?

Nun ist aber aggressive Kommunikation von Hunden untereinander ein anderes Thema als Aggressionen, die sich von Hunden gegen Menschen richten. Verhalten sich Hunde aggressiv gegen Menschen, gibt es keine Kulanz für den Begriff der Gefährlichkeit. Selbst eine Drohung kann schon Gefahr bedeuten, da man nicht davon ausgehen kann, dass Menschen, seien es Kinder oder Erwachsene, Hundehalter oder Nichthundehalter sich adäquat in die Situation einbringen können. Da Menschen gerne Aggressionen aus ihrem Leben, aus der Erziehung verdrängen, haben viele nicht lernen können, damit umzugehen. Gründe für den Verlust dieser wichtigen Fähigkeiten mögen allgemeine Naturentfremdung sowie gesellschaftsphilosophische Modelle und eine verbrämte Modellpädagogik sein. Ein sehr komplexes Thema.

Unabhängig vom Öffentlichen Druck, der zur Zeit auf Hundhaltern lastet, sehe ich die Sache Aggressionen gegen Menschen so: Bei Funktion und Motivation von Aggressionsverhalten und speziell in den Bereichen der Verteidigung von Ressourcen und der Status gebundenen Aggression, die beide separat und miteinander verbunden der sozialen Expansion dienen können, darf es nicht zu Aggressionen gegen Menschen kommen. In einer festen Lebensgemeinschaft Mensch Hund würde ich diesen Anspruch absolut sehen. In diesem Zusammenhang darf der Hund sich nicht aggressiv gegenüber seinem Lebenspartner Mensch verhalten. Als Welpe darf und muss er es wohl auch versuchen, um ihm auf seine soziale Fragestellung, „mal sehen, wie weit ich damit komme?“, die entsprechenden Antworten überhaupt erst geben zu können. Souverän und wohlwollend aber trotzdem klar und deutlich!

Betrachtet man aber gewisse Anschaffungsgründe für die Haltung von Hunden und der Mensch hat zu dem sozialpartnerischen Aspekt noch eine Hundehaltung im Hinblick auf gewisse Nutzgedanken im Sinn, muss der Hund doch bellen dürfen, wenn sich fremde Menschen dem Territorium nähern. Bellen heißt aber aggressiv kommunizieren. Ein uralter Nutzgedanke ist das Bewachen von Haus und Hof. Dieses Verhalten sollte grundsätzlich differenziert gesehen werden und es spielen viele Faktoren eine Rolle. Ist es ein Überfall in der Nacht mit Gefahr für Leib und Leben der Menschen? Dann wäre doch jedes Verhalten des Hundes Recht, um einen Schaden zu vermeiden, oder? Oder kommt ein nettes Kind zu Besuch und will mit dem eigenen Kind spielen. Hier darf man kurz Bescheid geben, dass sich jemand nähert, mehr aber auf keinen Fall. Zwei völlig unterschiedliche Stimmungslagen, die von Hunden, die gelernt haben, was richtig oder falsch ist, auch differenziert angenommen werden können.

 

Die Individualentwicklung
Bevor ich darauf eingehe, wie sich die Beziehung Mensch und Hund, meiner Meinung nach entwickeln sollte, noch ein paar Worte zu meiner „absoluten“ Forderung, dass Hunde sich nicht gesteigert aggressiv gegen Menschen verhalten dürfen. Seien es die Familienmitglieder oder fremde Menschen.

Im Bereich der Entwicklung und Reifung der Welpen zum ausgewachsenen Hund ist es durchaus normal und legitim von Seiten der Hunde, einen kommunikativen aggressiven Ansatz gegen Menschen einzusetzen, müssen sie doch erst lernen sich in diesen Situationen zurechtzufinden. Hier kommt dann auch auf den Hundehalter die unabdingbare Verantwortung zu, seinem Hund bei seinen sozialen Fragestellungen zu helfen und ihn nicht sich selbst zu überlassen. Ihm Antworten zu geben, die ein angepasstes Leben in unserer Welt ermöglichen. Soziale Lernerfahrungen werden häufig unterschätzt und formales Lernen, wie zum Beispiel „Sitz, Fuß und Platz“ unberechtigter Weise in den Vordergrund gestellt.

Bei der folgenden Argumentation haben wir mehrere Stränge. Zum Einen die Arbeit mit dem Welpen während seiner Individualentwicklung und zum Anderen der ausgewachsene Hund mit bereits etabliertem Aggressionsverhalten. Beide Ansätze müssen dann noch differenziert werden und zwar Aggressionen gegen Artgenossen und gegen Menschen. Die meisten Hundehalter holen sich ihrem Welpen zwischen der achten und der zehnten Lebenswoche und ihre Motivation, das Richtige zu tun ist hoch. Neben dem Lesen von Literatur, die sich mit dem Thema Hundeerziehung befasst, geht man heutzutage in der Regel in eine Welpengruppe, um den Sozialisierungsprozess förderlich zu gestalten. Die Hunde befinden sich inmitten der „sensiblen Phasen“, einem prägungsähnlichem Vorgang. Erfahrungen und Eindrücke, die in dieser Zeit gesammelt werden, bestimmen entscheidend den weiteren Verlauf der Beziehung. Form und Ausprägung von Kommunikation, insbesondere aggressiver Kommunikation, werden jetzt gelernt.

In der Welpengruppe beginnt die wichtigste Arbeit des Hundetrainers und seine Qualifikation sollte aus allen Bereichen der Arbeit mit Menschen und Hunden die höchste sein. Einige Beispiele aus so genannten Welpengruppen sollen den Zeitgeist unserer Vorstellungen von Hundeerziehung verdeutlichen und in Frage stellen. Während meiner langen Jahre als Hundetrainer konnte ich in unterschiedlichen Welpengruppen beobachten, wie man die Hundehalter im Umgang mit Aggressionsverhalten ihrer Welpen instruierte. So wird zum Beispiel, wenn sich Welpen während des Spielens untereinander zunehmend aggressiver Verhalten aus einem Abstand von zwei Metern mit einer Wasser-Pump-Gun dazwischen geschossen, um diese Aktion zu unterbrechen. Andere werfen eine Klapperdose dazwischen, wiederum andere Schreien selbst aggressiv geworden und panisch oder rufen in quietschender Tonlage, um die Welpen auseinanderzulocken und belohnen dann das Kommen mit Futter. Oder zufällig doch das aggressive Verhalten? Gegen das Unterbrechen aggressiven Verhaltens ist gar nichts einzuwenden. Es ist sogar wichtig, dass der Hundehalter dies kann. Aber warum so steril und beziehungslos über Hilfsmittel? Wo der Mensch doch daneben steht.

Warum eine solche Dramatik über Schreien in eine triviale Situation bringen? Warum ungeschickterweise über Quietschen und Futter die Attraktivität eines Verhaltens bekunden?

Hier zeigt sich die Unfähigkeit des Menschen, Konflikte anzunehmen und sich selbst als Teil einer Beziehung einzubringen. Ohne Hilfsmittel! Stattdessen wird eine soziale Anonymität gelehrt, die in vielen Fällen den weiteren Verlauf der Beziehung Mensch Hund kennzeichnet. Daneben wird häufig lerntheoretisch falsch argumentiert, weil die lerntheoretischen Begrifflichkeiten durcheinander gebracht oder fehl interpretiert werden. Zur Lerntheorie komme ich im Folgenden noch zu sprechen.

Da sich aggressive Kommunikation interaktiv entwickelt, darf der Welpe nicht nur registrieren, dass der Mensch selbst sich regulierend einbringt, er MUSS es registrieren, soll er sich doch sein ganzes Leben lang am Menschen orientieren. Dieser aktive Beitrag zum sozialen Lernen der Welpen von Seiten des Menschen sollte dann auch auf der Handlungsebene der Hunde selbst geleistet werden.

Hunde handeln und kommunizieren in diesem Falle körperlich und der Mensch muss das auch können! Aber Körperlichkeit ist ein Problem. Sie ist verpönt. Im Guten, wie im Schlechten. Viele Menschen können weder körperlich mit ihren Hunden richtig spielen oder ihnen Sicherheit geben, stattdessen haben auch hier Hilfsmittel Hochkonjunktur, noch können sie ihre Hunde körperlich reglementieren. Sicherlich ist der Missbrauch von Körperlichkeit gegeben. Das gilt dann aber auch im Guten, wie im Schlechten. Die Vorsichtigkeit, mit der man sich bei diesem Thema ausdrücken muss, hat dann am Ende auch nichts mit Hunden zu tun, sondern nur mit der Emotionalität der Menschen. Bei einer körperlichen Einwirkung auf den Hund kann es natürlich zu Fehlern kommen. Es kann unverhältnismäßig eingewirkt werden. Das wiederum auch in beide Richtungen. Zu heftig oder zu schwach. Aber beruhigen wir uns. Auch Hunde machen Fehler! Die Heftigkeit einer körperlichen Einwirkung wird auch nicht vom Hundehalter festgelegt, sondern vom Welpen selbst, an dessen körperlicher Wahrnehmung ich mich ja orientieren muss. Was bei dem Einen zu heftig ist, ist bei dem Anderen zu schwach. Das findet man aber schnell heraus und braucht sich dann nur daran zu halten. Einmal konkret einwirken ist alle Male wirkungsvoller und von mir aus auch fairer, als wochenlang unter dem Level der Wahrnehmung des Welpen zu bleiben und dadurch die soziale Antwort auf eine ganz simple soziale Frage unnötig zu verkomplizieren. Ob das schön ist oder nicht ist hier gar nicht so die Frage, denke ich, sondern vielmehr ob man sich nach dem Hund und seinen Möglichkeiten oder nach der Hilflosigkeit der Menschen und dem Umgang mit Körperlichkeit und Konflikten richtet.

Wenn jetzt die Frage kommt, wie man als Hundehalter dies denn nun praktisch machen solle, kann die Antwort allerdings nicht so einfach sein. Ich kenne ja den Frage steller und seinen Hund nicht. Wie ist der Hund? Wie ist der Mensch? Den Menschen in Bezug auf den richtigen Zeitpunkt und die richtige Intensität einer Einwirkung zu instruieren ist Aufgabe des Hundetrainers in Abhängigkeit der Beurteilung des Einzelfalles. Wenn jedoch die Gesamtbeziehung Mensch Welpe nicht stimmt, geht man auch nicht gleich in diese Form der Arbeit, sondern ordnet erst einmal diese Beziehung. Der Mensch muss sicher zum Hund wirken und es auch sein, sonst wirkt sein Tun nicht authentisch und der Hund findet am Ende nicht die Sicherheit in dieser individuellen Beziehung, die er braucht. Unter diesen Bedingungen könnte ein plakatives Beispiel derart aussehen: Zwei Welpen rangeln spielerisch miteinander und die Situation kippt. Aus Spiel wird Ernst! Auf der einen Seite kann man bei gleichstarken Welpen die Situation auch einmal weiter laufen lassen und diesen interaktiven Prozess der Welpen beobachtend begleiten. Vielleicht lernen sie ja etwas daraus? Auf diese Situation komme ich noch einmal zurück.

Auf der anderen Seite kann ich aber, sowohl bei gleichstarken als auch bei ungleichstarken Welpen mich im begrenzen üben. Die Hundehalter stehen also bei dieser aggressiven Kommunikation ihrer Welpen, die sich aus dem Spiel ergeben hat, in der Nähe der Situation. Sie wollen dieses Verhalten unterbrechen, sprechen sich kurz ab, ein Blick zueinander sollte reichen und greifen sich ihren Welpen mit der Hand. Das kann am Anfang holprig sein aber man wird durch Übung schnell geschickter. Meist ist ja auch nur ein Welpe, der vom anderen, dann sehr erleichtert wirkenden Welpen entfernt wird. Beim greifen des Welpen muss ein körperliches Gefühl erzeugt werden, auf das der Welpe Unwohlsein signalisiert. Das Ausmaß des Tuns bestimmt, wie schon gesagt, der Welpe selbst. Die beiden Kontrahenten werden getrennt und einen kurzen Moment bleibt die Wirkung des Griffes noch aufrecht erhalten. Bis man registriert, das die Welpen mit ihren Gedanken nicht mehr bei ihrem Gegenüber sind, um, wenn sie zu früh losgelassen, sich gleich wieder aufeinander zu stürzen. Erkennt man die veränderte Situation, lässt man die Welpen in unmittelbarer Nähe zueinander jedoch wieder los. Stürzen sie sogleich wieder aufeinander, wiederholt man die Einwirkung durch den Griff mit etwas erhöhter Intensität.

Das gezeigte aggressive Verhalten darf keinen Vorteil bringen. Es sollte für den Welpen nachteilig sein, damit er dies in Zukunft weniger häufig zeigt. Damit ich auch einen Lernerfolg für den Welpen habe, bleibe ich auch solange in der Situation der beiden Streithähne, bis sie ihren Vorteil, es nämlich so nicht zu tun, erkannt haben. Je besser der Mensch in seinem Tun instruiert wurde, desto schneller habe ich den Lernerfolg. Es ist kein Vorteil aggressiv zu sein. Daraus ergibt sich ein zeitliche Kulanz, die es den Welpen ermöglicht, sich länger im Bereich des Spielens aufzuhalten. Die Schwelle Aggressionen zu nutzen wird deutlich erhöht.

Bei diesen Aktionen sollte der Mensch entspannt und ruhig bleiben, keine Hektik und keinen Hass zeigen. Souveränität ist hier oberstes Gebot. Wohlwollende Souveränität in Bezug auf die Zukunft des Welpen, sein Leben nicht sozial steril und anonym leben zu müssen, sondern in einer festen Beziehung, in der er sich an seinem Menschen orientieren kann.

 

Jetzt komme ich noch einmal zu der Situation, in der man die beiden gleichstarken Welpen sich weiter prügeln lässt, um zu beobachten, ob sie etwas lernen. Was kann man denn dabei lernen? Der Eine beißt den Anderen. Dem tut das weh und er beißt heftiger zurück. Das sagt dem Einen: Lieber nicht zu doll den Anderen beißen, sonst tut es mir am Ende weh. Wieder wurde die Schwelle Aggressionen in der Form zu nutzen erhöht, eine Hemmung zu beißen entsteht. Die so genannte Beißhemmung! Ein zu beobachtendes Ergebnis ist, dass Hunde lernen, sich in Konfliktsituationen länger im Bereich der Drohung aufhalten können, weil man egoistisch genug ist, keinen Schaden erfahren zu wollen. Ganz einfach also. Schwierig hingegen ist auch hier der Beruf des Hundetrainers, die Situation adäquat einzuschatzen, den Menschen in seinen Emotionen im Blickfeld zu haben und die Worte zu finden, dies alles ohne verklärende Philosophie zu erläutern. Der Zeitraum, in dem die Hunde dies lernen können ist auch nicht eng begrenzt und geht weit in die Junghundzeit hinein. Also keine Eile, der Zeitpunkt kommt. Wer nicht aggressiv kommunizieren kann, kann auch nicht lernen mit Aggressionen umzugehen und es ist unabdinglich, diese Erfahrungen machen zu können.

Eindeutiger sollte aggressive Kommunikation des Hundes mit Menschen gesehen werden. Dieses Verhalten will ich in der Zukunft meines Hundes nicht haben und der Ansatz sollte absolut sein und vorerst keine Ausnahme zu lassen. Ob bei Futterwegnahme, Pflegeleistungen am Körper des Hundes, wie zu Beispiel Zähne anschauen und Ohren untersuchen oder bei anderen Geschehnissen, die den Welpen schlicht frustrieren, darf er den Menschen nicht bedrohen oder gar beißen.

Es gibt keine Zeit zu vergeuden und Hoffnung, dieses Phänomen möge ohne mein Handeln wieder verschwinden, ist fehl am Platz. Es wird eher schlimmer. „Hit hard an early“, ein lerntheoretischer Grundsatz findet hier seine Anwendung und wenn ich meinem Hund bei seiner Sozialisierung zum sozial- und umweltsicheren Hund helfen will, halte ich mich daran. Ein zeitlich unmittelbarer und in der Intensität angepasster Klaps über den Fang, der den Welpen sichtlich beeindruckt und sein vorausgegangenes Handeln verleidet, darf nicht nur, sondern muss erfolgen. Wiederum souverän und ohne Hass. Nach dieser Aktion geht man auch gleich wieder in die Wiederholung um den Erfolg zu festigen. Meistens meiden die Welpen einen zweiten Versuch und haben gelernt, so etwas zum eigenen Wohl nicht ein zweites Mal zu tun. Tun sie es doch ein zweites Mal, muss ich präsent sein. Der zweimal fragende Welpe ist nicht dümmer als derjenige, der nur einmal fragt, die körperliche Einwirkung des Menschen muss auch nicht schlecht gewesen sein. Es gibt einfach unterschiedliche Typen von Welpen, mit unterschiedlichen Potentialen. Ob rasse- oder typbedingt sei dahingestellt. Aber ein Terrierwelpe hat einfach ein anderes Aggressionspotential als ein Whippetwelpe. Das macht erstmal keinen der beiden Welpen gut oder schlecht.

In diesem Zusammenhang möchte ich nur kurz erwähnen, dass es bei Hunderassen selbstverständlich, genetisch und auch körperlich bedingte, unterschiedliche Fähigkeiten gibt, Aggressionen umzusetzen. Je nach Entwicklung eines bestimmten Verhaltens durch die Zucht von Rassen in Bezug auf deren Nutzgedanken. Dabei taucht auch die in der Öffentlichkeit immer wieder diskutierte Frage nach dem „idealen” Familienhund auf. Gibt es den idealen Familienhund überhaupt? Oder gibt es vielmehr günstige und ungünstigere Passungen? Die Rolle des erziehenden Menschen möchte ich aber entschieden in den Vordergrund stellen, ist es doch erforderlich, sich bei der Anschaffung eines Hundes über sein rassespezifisches Verhalten im Klaren zu sein. Kann ich dem Potential des ausgesuchten Familienhundes mit meinem Naturell entsprechen?

Ob im Bereich der Verhaltensunterbrechung durch körperliche Einwirkung oder der Verleidung durch körperliche Einwirkung, in beiden Fällen ist eine gute Basis in der Beziehung Mensch Welpe die unabdingbare Vorraussetzung. Diese Beziehung sollte vom Hundetrainer aber auch immer erkannt werden. Indizien für gute und schlechte Beziehungen gibt es immer.

Auch noch wichtig zu erwähnen scheint mir der zeitliche Zusammenhang zwischen Einwirkung und Auflösung der Situation in Richtung Entspannung. Zwischen Einwirkung und Auflösung muss etwas Zeit liegen. Wie viel ist am Ende relativ, weil sie vom Kontext des Gesamtgeschehens abhängt. Dies muss der Hundtrainer auch erkennen. Wichtig ist, dass „nein“ und „fein“ nicht unmittelbar aufeinander folgen.

Auszüge aus der Lerntheorie
Von der Lerntheorie wird viel gesprochen und geschrieben und sie wird auch ganz gerne mal missbraucht, wenn es darum geht seine Arbeitsweise mit Hunden populär zu vertreten. Einige Fragmente sind auch schon im Text erwähnt worden und jetzt soll im Überblick das Wesentliche noch einmal erläutert werden.

Damit die Lerntheorie Anwendung finden kann, geht man davon aus, dass das persönliche Wohlergehen des jeweiligen Lebewesens, gleich welcher Art, in Verbindung mit dem vermeiden von Schmerz und Strafe im Vordergrund stehen und somit die latente Motivation, in diesem Falle des Hundes, darstellen. Diese und die folgenden Begrifflichkeiten sind nicht von mir erdacht worden. Erarbeitet von… finden sie auch heute noch unangefochten wissenschaftliche Anwendung.

Über das Erreichen von Wohlergehen, z.B. Futtergaben bei Hunger oder liebevolle Zuwendung und die Vermeidung von Schmerz und Strafe, z.B. eine körperliche Einwirkung aber auch andere reduzierende Maßnahmen, ein Schreck zum Beispiel, ergeben sich zwei Wege, Lernziele zu erreichen. Über den einen Weg will man erreichen, dass in der Zukunft ein Verhalten häufiger auftritt, über den anderen Weg will man erreichen, dass ein Verhalten in der Zukunft seltener oder gar nicht mehr auftritt. Für jeden Weg habe ich genau zwei Möglichkeiten, das Ziel zu erreichen. Das folgende Schaubild soll einen Überblick liefern, wobei die Begriffe Belohnung und Bestrafung gleichermaßen unter dem Begriff „Verstärkung“ zusammengefasst werden können.

Ein Verhalten tritt in der Zukunft häufiger auf: Positive Belohnung = Angenehmes hinzufügen (+)
Negative Belohnung = Unangenehmes wegnehmen (-)

Ein Verhalten tritt in der Zukunft seltener auf: Positive Bestrafung = Unangenehmes hinzufügen (+)
Negative Bestrafung = Angenehmes wegnehmen (-)

Die „Lernsituation“, in der wir uns hier aufhalten, ist die „operante Konditionierung“ in der „Lernform“ des „operanten Lernens“. Den „Lernprozess“, der im Text mit meinen Argumenten angesprochen wird, beschreibt man mit „bedingter Hemmung“.

Die vollständige Lerntheorie beinhaltet selbstverständlich wesentlich mehr und es handelt sich hier lediglich um einen stark vereinfachten Auszug, der aber für die Ansätze im Umgang mit Aggressionsverhalten die wesentliche Rolle spielt.

Gehen wir im Folgenden doch einmal die Situationen durch, um zu einer gewissen Aussage zu kommen. Wir haben einen Welpen, der aggressives Verhalten zeigt. Unangebracht und seiner Entwicklung nicht förderlich. Wollen wir das in der Zukunft häufiger haben oder seltener? Wir wollen es seltener haben! Dann haben wir erst einmal zwei Möglichkeiten. Die positive Bestrafung und die negative Bestrafung. Bei der positiven Bestrafung fügt man einen kurzen Reiz hinzu, der garantiert, dass der Welpe bei der nächsten ähnlichen Situation gehemmt handelt. Da Belohnung und Bestrafung vom Welpen als solche auch empfunden werden müssen, ist es nicht möglich zu sagen, was man tut. Vom Klaps bis zum Schreck in unterschiedlichen Intensitäten ist alles drin. Nicht zu viel aber auch nicht zu wenig. Das muss man auch in Bezug auf den Zeitpunkt können oder lernen. Und wer lernt macht Fehler, die man aber in Begleitung seines Beraters eindämmen kann und sollte.

Die zweite Möglichkeit ist die negative Bestrafung. Man nimmt einen angenehmen Reiz weg, wenn der Hund sein unerwünschtes Verhalten zeigt. Das heißt, in dem Moment, in dem der Hund sich aggressiv verhält, nehme ich meine streichelnde Hand weg oder mein Futter, das ich ihm vor die Nase halte. Rein theoretisch ist das mit dem Futter möglich, wäre da nicht das Leben und gewisse Faktoren, die in der Lerntheorie nicht enthalten sein können. Zum Beispiel die Frage ob mein Hund in dem Moment auch ausreichend Hunger hat oder vom Typus her verfressen ist oder nicht. Das muss dann, wenn es klappt auch immer der Fall sein. Unter Laborbedingungen funktioniert die negative Bestrafung ohne Zweifel aber im richtigen Leben? Das kommt ja bekanntlich unangemeldet und völlig überraschend.

Dann ist da noch Prestige und Selbstwertgefühl des Hundes zu berücksichtigen. Wer gibt schon gerne seinen Status ab? Für ein Stück Futter? Richtige unbekannte Größen. Oder ich bin nicht so richtig präsent, wenn es um den richtigen Zeitpunkt geht, wieder Futter zu geben. Vielleicht ist der Hund ja noch mit seinen Gedanken in der Handlung und ich verstärke unbeabsichtigt das Verhalten und werde über eine positive Belohnung in Zukunft häufiger Aggressionsverhalten erkennen.

Oder sich selbst belohnende Muster. Das jeweilige Umfeld reagiert auf die Aggressionen meines Hundes und Hormone, die auch hier den Hund in rauschähnliche Zustände versetzen können, werden freigesetzt. Was für ein Erfolg für den Hund! Bei dem Hund, b ei dem es funktioniert soll man es ruhig machen, was aber ist mit dem Rest. Was ist mit der Frage nach der Orientierung in einer Beziehung? Brauche ich Futter um wer zu sein?

Ich brauche eine für meinen Beziehungspartner Hund messbare Persönlichkeit im Umgang mit Konflikten und daneben eine souveräne Entspanntheit und Großzügigkeit außerhalb von Konflikten. Mehr nicht! Wer Futter braucht, um wer zu sein, hat schon ein Problem bevor überhaupt etwas geschieht.

Es sei denn, wir wollen unseren Hund zum Lernen von neuen Handlungen, die in der Zukunft häufiger auftreten motivieren. Da ist Futter genau richtig. Da lernt man schnell Sitz und Platz. Wenn der Welpe es dann aber gelernt hat, muss er es dann nicht auch ohne Futter können? Muss ich mein Leben lang Futter auf den Boden legen, damit mein Hund Platz macht. Nein, muss ich nicht! Hat man aber sonst keine Probleme mit dem Hund kann man so etwas aber ruhig machen. Als Futterfetischist? Warum nicht? Aber alles zu seiner Zeit!

Ich kann aber auch über eine negative Belohnung in das Aggressionsverhalten meines Hundes einwirken. Ich will erreichen, dass mein Hund in der Zukunft häufiger kein unangebrachtes Aggressionsverhalten zeigt. Negativ Belohnen bedeutet, einen unangenehmen Reiz solange aufrecht zu erhalten, bis das gewünschte Verhalten erreicht wird. Anwendung findet dieses Prinzip beim klassischen Zwangsapport in der Jagdhundausbildung.

Der Jäger will erreichen, dass sein Hund in Zukunft häufiger zuverlässig geschossenes Kleinwild bringt. Ohne das der Hund sich der Situation entziehen kann, bekommt er Wild in den Fang gelegt mit dem Befehl „Apport“. Da ein Fuchs in der Regel vom Hund nicht gern gehalten wird, wird in dem Moment, indem der Hund den Fuchs ausspuckt ein konstanter unangenehmer Reiz ausgeübt. Ob schön oder nicht, ob man Jäger mag oder nicht, hat erst einmal mit der Lerntheorie nichts zu tun. Da soll jeder denken, was er will!

Der unangenehme Reiz, den man konstant hält, kann zum Beispiel ein Kneifen in den Behang sein. An den Enden der Ohren zwickt man solange bis der Hund den Fuchs entweder von allein wieder aufnimmt oder der Jäger den Fuchs in den Fang gibt. In dem Moment hört der unangenehme Reiz auf und der Hund lernt in Zukunft häufiger auf den Befehl Apport, den Fuchs zu bringen. Wiederholungen sind selbstverständlich. Der unangenehme Reiz kann auch etwas sehr viel härteres sein.

Diese Arbeit kann man gut oder schlecht machen. Für höhere Ziele oder geringere. Es geht bei den Jägern darum, angeschossenen Tieren unnötige Qualen zu ersparen und sie schnell zu erlösen, in dem der Hund sie schnell und zuverlässig bringt. Wer diese Arbeit unverhältnismäßig macht, wird auch keine zuverlässige Bringtreue erhalten, vielmehr einen schlauen Hund. Ist mein Mensch in Sicht bringe ich, wenn nicht dann nicht! Das Erlernen von Bringleistungen funktioniert aber nachgewiesener Maßen über die Form der positivern Belohnung am Besten. Das heißt, wenn der Hund mir etwas bringt, was ich ja in Zukunft häufiger haben will, tue ich gut daran ihn über Futter oder eine Streicheleinheit mit netten Worten zu bestärken. In Zukunft wird er mir häufiger etwas bringen. Ob der Hund aber auch den stinkigen Fuchs bringt?

Ich bin kein Jäger aber ich esse auch Wild, unter anderem Enten. Welche Weltanschauung wir auch immer haben, wir müssen schauen, in welcher Welt wir leben! Im Schutzhundesport und im Dummisport bei den Retrieverleuten, jeweils in der oberen Leistungsklasse, ist der Zwangsapport alltägliche Praxis. Und hier geht es nur um Pokale und Punkte. Mehr nicht! Sorry, um Geld natürlich auch!

Abschließend zu diesem Thema möchte ich noch darauf hinweisen, dass die Begriffe Positiv und Negativ rein mathematisch zu interpretieren sind. Positiv gleich Plus gleich einen Reiz hinzu. Schön oder nicht schön! Negativ gleich Minus gleich einen Reiz wegnehmen. Schön oder nicht schön! Positiv hat nichts mit gut und schön im Sinne von immer schön positiv denken, entsprechend einer 8o-ger Jahre Philosophie zu tun. Die falsche Auslegung dieser Begriffe führt zu unterschiedlichen, emotional verfärbten Diskussionsebenen und kennzeichnet eher den laienhaften Hundetrainer.

Etabliertes Verhalten
Kommen wir zu ausgewachsenen Hunden und deren aggressiver Kommunikation. Ein unkastrierter zweijähriger Rüde verhält sich an- und unangeleint aggressiv gegenüber seinen Artgenossen. Dabei verlässt er den Bereich der Drohung und beißt sein Gegenüber. Ein alltägliches Bild. Dieser Hund hat seine Sozialisierung, seine sensiblen Phasen, in denen diese Form der Kommunikation gelernt wird, durchlaufen. Der moderne Lösungsansatz diesen Hund zu resozialisieren kann fachlich nicht funktionieren, da für eine Resozialisierung die sensiblen Phasen erneut durchlaufen werden müssten. Das ist aber nicht möglich und die Löschung eines einmal etablierten Verhaltens ist auch nur theoretisch, unter Laborbedingungen machbar.

Der Begriff der Verhaltenstherapie scheint mir hier auch unangebracht, da es sich in der Regel um Normalverhalten handelt und vom Menschen lediglich als störend empfunden wird. Ein pathologisches Phänomen liegt meist nicht vor. Hunde leiden in den seltensten Fällen unter Aggressionen, es ist der Mensch, der hier leidet. So hoffnungsvoll die Lösungsansätze auch klingen mögen, es ist die Frage, ob ich zu einer konstanten Lösung komme. Anders als während der Welpenentwicklung hat der Hund, gelernt, ungehemmt aggressiv Kommunizieren zu können.

Eine Hemmung zu etablieren und somit ein Selbstverständnis in diesem Verhaltensbereich zu entwickeln wurde versäumt. Nicht das man an dem gezeigten Aggressionsverhalten nichts verändern kann, aber anstatt eines Selbstverständnisses wird man sich häufig mit einer von Situation zu Situation erneut erforderlichen Form der Kontrolle auseinandersetzen müssen. Das heißt, dass der Mensch von Hundebegegnung zu Hundebegegnung mit dem alten Verhalten rechnen muss und demzufolge darauf achten muss, das erwünschte, nicht aggressive Verhalten rechtzeitig einzuleiten.

Der Ansatz einer wiederum theoretisch funktionierenden Lösung wie „Desensibilisierung und Gegenkonditionierung“ ist aus meiner Meinung nach nicht realistisch. Mögen Einzelfallbeschreibungen diesen Ansatz auch rechtfertigen, so habe ich bei der Masse der Hunde mit dieser Verhaltensnote die Welt so zu bedenken, wie sie tatsächlich ist.

Rein praktisch sieht es so aus, dass man sich mit seinem aggressiven Hund einem anderem Hund nähert und kurz vor dem Beginn seiner aggressiver Muster ein neues Verhalten einleitet, zum Beispiel „Sitz und schau mich an“, welches dann positiv belohnt wird. Über den Faktor Zeit nähert man sich immer weiter dem anderen Hund und verfährt wie gehabt. Den Hund sehen, sich hinsetzen und den Menschen anschauen soll dann das Ergebnis sein. Rein theoretisch! Die Praxis ist wieder ganz anders. Hunde, die bei der Übung nicht angemeldet waren kommen ins Bild, die Angst der Hundehalter vor dieser Situation ist ein Thema, die Fragwürdigkeit des höheren Reizes Futter im Vergleich zu versteckten, sich selbst belohnenden Verhaltensmustern kommt hinzu und: Ein Rückfall und ich beginne mit der Desensibilisierung von vorn!

Zur realistischen Einschätzung gehört meines Erachtens nach auch die Feststellung, dass es Lebensgemeinschaften Mensch Hund gibt, in denen der Hund die Hauptrolle spielt, der Mensch sehr viel Zeit für ihn hat, und die Auseinandersetzung mit seinem Verhalten als Hobby betrachtet werden kann. Daneben gibt es Familien mit Kindern, einem vollen Tag und dem Hund, als Mitglied der Familie, ohne den höchsten Stellenwert. Da ist dann eine individuelle Kosten-Nutzen-Rechnung, wie viel Zeit man für ein Problem hat, unabdingbar. Aus dieser Arbeit abgeleitet gibt es noch die Möglichkeit der „Umlenkung“. Hierzu wird ein Medium, zum Beispiel Futter oder Ball genommen und in dem Moment, in dem der andere Hund erscheint dazu genutzt, den Blick des eigenen Hundes auf das Objekt seiner Begierde zu lenken. So um den anderen Hund geführt kommt es dann zu einer Bestätigung und der Hund erhält den Ball. Vorraussetzung ist ein ausgeprägtes Appetenzverhalten des Hundes zum Ball oder zum Futter.

Ich kann nicht bestreiten, dass eine solche Arbeit funktioniert, wenn der Hund das erforderliche Verhalten zum Objekt zeigt. Sehe aber auch hier den Laien, der den Zeitpunkt des Handelns falsch einschätzt und der Hund sich schon im Aggressionsverhalten aufhält. Das kann auch schon ein angespannter Blick zum anderen Hund sein oder eine stille körperlich signalisierte Drohung. Wenn jetzt der Ball kommt geschieht das Gegenteil. Der Hund lernt vielleicht sogar noch mehr Hunde so oder so anzudrohen, weil dann der Ball kommt oder eben Futter. Dieses Verhalten lohnt sich und wird in der Zukunft häufiger gezeigt werden.

Auch wenn diese Arbeitsansätze im Einzelfall gelingen mögen, haben sie meiner Meinung nach den Kern des Themas verfehlt. Soziale Fragestellungen in der Beziehung Hund Mensch sind umgangen worden. Man mogelt sich quasi um den eigentlichen Konflikt herum und es wird versäumt, den Hundehalter in seiner Handlungsfähigkeit zu entwickeln. Der Hund sollte sich auf den Hundehalter verlassen können und zwar in der Form, dass er im Beisein des Halters nicht von sich aus solche Konflikte mit anderen Hunden angeht, sondern an den Menschen abgibt und nur über diesen Menschen gehemmt wird, selbständig Aggressionen zu nutzen. Dann sind wir bei einer Arbeit im Bereich der Beziehung Mensch-Hund.

Damit der Mensch aber diesen Konflikt mit seinem Hund annehmen kann, müssen Vorarbeiten geleistet werden. Man sollte einen Konflikt nur annehmen, wenn man davon ausgehen kann, dass man ihn auch zum eigenen Vorteil entscheidet. Diese Vorarbeit besteht darin alte, etablierte Strukturen zu verändern und in Bezug auf einen souveränen hohen Status des Menschen die Situationen des täglichen Lebens außerhalb des Konfliktes neu zu gestalten. Veränderung bedingt Veränderung! Wenn dann neue Strukturen geschaffen worden sind, kann man in den meisten Fällen davon ausgehen, dass die Konflikte gelöst werden können. Die Notwendigkeit auf Kontrolle seines Hundes und seines eigenen Verhaltens bleibt aber auch hier meist erhalten. Fall ich als Mensch in meine alten Muster zurück, tut dies der Hund auch.

Erziehung beinhaltet nicht nur schöne Arbeitsansätze. Das Bewusstsein um die Rolle des Verantwortlichen in der Beziehung Mensch Hund sollte beim Hundehalter entwickelt werden. Und Verantwortung übernehmen heißt auch Entscheidungen treffen zu können, die für das Gegenüber, in diesem Fall für unseren Hund, im Moment unschön sein mögen. Dahinter steckt aber der langfristige Gedanke an ein entspanntes Miteinander. Betrachten wir das pädagogische Durcheinander im Bereich der Hundeerziehung und versetzen uns in die Lage der Haus- und Familienhundhalter, ist das Bild des Hundes in der Öffentlichkeit nicht verwunderlich. Was ist richtig, was ist falsch?

Auch bei vielen Hundetrainern ist ein hohes, ungehemmtes Aggressionspotential zu erkennen, wenn es darum geht fachlich zu argumentieren. Bei der Argumentation um körperliche Einwirkung wird unreflektiert der Begriff der Gewaltanwendung genutzt und die Diskussion verlässt einen förderlichen Rahmen. Ich appelliere vor allem an den gesunden Menschenverstand, der jede Theorie erst einmal in Frage stellen sollte und für bodenständige Lösungen im Bereich der Arbeit mit aggressiven Hunden. Hunde sind bodenständig, der Mensch ist abgehoben.

Ist von körperlicher Einwirkung die Rede, liegt sicherlich der Missbrauch oder falsche Gebrauch schwelend über der Diskussion. Sein Handwerk sollte man verstehen, theoretisch wie praktisch. Das Unvermögen vieler Menschen im Umgang mit aggressiven Hunden sollte man nicht verklären und zu einer Tugend erheben um sie dann mit einer Zweckphilosophie zu schmücken.

Die meisten Hunde in den Deutschen Tierheimen sind nicht per se misshandelt worden. Sie wurden als Welpen abgöttisch geliebt und in den Himmel emporgehoben. Ihre Begrenzung jedoch wurde meist versäumt. Den Menschen über den Kopf gewachsen, erzeugen sie später Angst und Ohnmacht und werden gefährlich. Der Rest dürfte jedem bekannt sein.

Michael Frewe (2005)

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